Antisemitismus an Berliner Schulen – Bestandsaufnahme und Handlungsempfehlungen

Praxisorientierte Befragung

Welche Erfahrungen machen Lehrer*innen mit Antisemitismus an Berliner Schulen? Welchen Umgang mit antisemitischen Phänomenen praktizieren sie? Welche Präventions- und Interventionsansätze sind etabliert, welche könnten zusätzlich implementiert werden? Welche Rolle spielen der historische Zugang und die Geschichtsvermittlung als Reaktion auf gegenwärtige (antisemitische) Vorfälle?

Die praxisorientierte Befragung ist eine qualitative Studie, die vom Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment der ZWST durchgeführt wird. Diese Studie ergänzt die derzeit laufende Befragung „Jude als Schimpfwort!“, die Perspektiven jüdischer Jugendlicher und ihrer Familien auf Antisemitismus im formalen Bildungssektor in den Fokus rückt. Beide Teilstudien werden durch Perspektiven von Expert*innen aus dem bildungspolitischen Feld erweitert. Ein wissenschaftlicher Beirat begleitet und berät die Umsetzung des Forschungsprojekts.

Hintergrund der Studie:

Der Ausgangspunkt praxisorientierter Forschung im Kompetenzzentrum der ZWST sind langjährige Erfahrungen und Expertisen im Präventions- und Interventionsbereich an Schulen wie auch anderen Bildungseinrichtungen. 2017 eröffnete das Kompetenzzentrum die Beratungsstelle „OFEK“ für Betroffene antisemitischer Gewalt und Diskriminierung. Sowohl die pädagogische Beratung von Schulen als auch die zahlreichen Anfragen seitens der betroffenen Familien begründen den Bedarf an empirischer Fundierung pädagogischen Handelns im Umgang mit antisemitischen Vorfällen. Antisemitismus wird mehrheitlich als historisches Phänomen rezipiert und nicht immer erkannt. Außerdem sind im Bereich Intervention und Opferschutz Bedarfe zu verzeichnen, die eine genauere Reflexion erfordern. Zudem ist dem Kompetenzzentrum wichtig, mit Lehrer*innen ins Gespräch zu kommen und ihre Anliegen wie auch Leerstellen zu erfassen, um gezielter unterstützen zu können. Laut Berichten erreichen antisemitische Übergriffe an Schulen in Bezug auf ihre Häufigkeit und Intensität bundesweit ein neues Ausmaß. Auch der zweite Unabhängige Expertenkreis Antisemitismus des Deutschen Bundestages (2017) bestätigt diese Entwicklung und gibt Aufschluss darüber, dass Schule von Betroffenen als „unsicherer Ort“ erlebt wird. Daher befürwortet der Expertenkreis die wissenschaftlich fundierte Weiterentwicklung von Prävention und Intervention im Kontext Schule. Hierzu soll die Studie durch empirisch informierte Handlungsempfehlungen beitragen.

Forschungsinteresse und Anlage der Studie:

Vor diesem Hintergrund fragt die Teilstudie „Antisemitismus an Berliner Schulen – Bestandsaufnahme und Handlungsempfehlungen“ nach den Sichtweisen, Strategien und Ansätzen von Lehrer*innen in Bezug auf Antisemitismus an Berliner Schulen. Es handelt sich um eine Praxisforschung, deren Forschungsfragen vor dem Hintergrund der mehrjährige Beratungs- und Bildungsarbeit des Kompetenzzentrums entwickelt wurden. Die Erhebungen finden von Oktober bis Dezember 2018 mit Lehrer*innen unterschiedlicher Schultypen statt. Auf der methodischen Grundlage von Gruppendiskussionen und vertiefenden leitfadengestützten Einzelinterviews werden folgende Forschungsfragen bearbeitet:

• Welches Präventionsverständnis von Antisemitismus bringen Lehrer*innen in den schulischen Alltag ein?
• Welche Interventionsstrategien bzw. Umgangsweisen praktizieren Lehrer*innen an Berliner Schulen?
• Auf welche Unterstützungssysteme greifen Lehrer*innen dabei zurück?
• Welche Ansätze und Methoden können Lehrer*innen darin unterstützen, Antisemitismus vorzubeugen und mit Vorfällen kompetent und wirksam umzugehen?
• Welche institutionellen Rahmenbedingungen sollen hierfür geschaffen werden?

Das Ziel der Studie ist die Analyse von Wahrnehmungen, Erfahrungen und Bedarfen von Lehrer*innen in Bezug auf die Arbeit gegen Antisemitismus an Schulen unter Berücksichtigung von Handlungsräumen und Strukturen der Institution Schule. Auf dieser Grundlage werden Empfehlungen für die Prävention und Intervention formuliert. Die Perspektive von Lehrer*innen bietet dabei zentrale Einsichten für die Erstellung einer Gesamtstrategie gegen Antisemitismus auf schulischer, struktureller und bildungspolitischer Ebene.